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Home | Friedhöfe | Zentralfriedhof | Ehrengräber | Gruppe 0 | Nr. 84, Altenberg

Peter Altenberg
Schriftsteller, 1859 - 1919

Peter Altenberg
Schriftsteller, 1859 - 1919


Zentralfriedhof, Gruppe 0, Nr. 84

Die Grabrede sprach Karl Kraus. Das Kreuz stammt von Adolf Loos. Altenberg wollte auf seinem Grabstein die Worte stehen haben "Er liebte und sah!" - dieser Wunsch wurde ihm erfüllt (siehe Bild unten). Altenbergs Name ist in der Grabeinfassung eingraviert. Der Schriftstellerkollege Alfred Kerr meinte bei Altenbergs Begräbnis: "Lauter 15-jährige Mädeln hätten deinen Sarg tragen sollen!"

Link: Leben und Werk Peter Altenberg

Das Grab liegt an der Friedhofsmauer (dahinter die Simmeringer Hauptstraße)

Grabinschrift auf der Grabeinfassung

Entfernung des Busches, Erneuerung des Kreuzes

Der steinreiche Schnorrer

Peter Altenberg als "armer Literat", der auf die Unterstützung reicher Freunde und Gönner angewiesen war. Obwohl er permanent ein Zimmer im relativ feudalen Grabenhotel bewohnte, pflegte Richard Engländer - wie er eigentlich hieß - seinen Ruf, ein mittelloser Künstler zu sein, insofern, als er zahllose Menschen anschnorrte, sei es persönlich im Cafe Central oder als Briefschreiber.

Einer seiner berühmten "Schnorrbriefe" war an den Berliner Kritiker Alfred Kerr gerichtet: "Lieber Herr Doktor! Ich wende mich vertrauensvollst an Sie, da ich keinen Besseren, Verständnisvolleren wüsste, auf der ganzen Welt. Ich lebe in schlimmen bedrängten ökonomischen Verhältnissen und ich werde am 9. März 1909 fünfzig Jahre alt. Können Sie für mich eine Sammlung veranstalten? In Wien hat vor drei Jahren, als mein Bruder, der mich bis dahin erhalten hatte, zu Grund ging in seinem Geschäfte, eine Sammlung keinerlei Resultat erzielt, und ich lebe seitdem von monatlichen Gnadenbeiträgen einiger anonymer Verehrer. Ich denke mir zum Beispiel folgende Annonce in allen deutschen Zeitungen: "Ich sammle für eine Ehrengabe zum 50. Geburtstage Peter Altenbergs."

Viele der "Angeschnorrten" wunderten sich, wie Altenberg es sich leisten konnte, ab 1913 das Zimmer 51 im fünften Stock des Grabenhotels in der Dorotheergasse permanent mieten zu können. Er hatte darin 33 japanische Tonvasen aufgestellt und die Wände mit Bildern von jungen Mädchen sowie mit Porträts von Schubert, Beethoven, Tolstoi, Wagner und Goethe zugepflastert. "Wenn ich denke, wer dieses geliebte Kabinett einmal in Bausch und Bogen erben wird", sagte er einmal, "da freut mich das ganze Sterben nicht!"

Als Altenberg, "Besitzer eines amtlichen Hausiererscheins und Verkäufer ägyptischer Zigaretten", im Jänner 1919 tatsächlich verstorben war, wunderten sich die "Angeschnorrten" noch mehr. Fand sich doch in seinem Nachlass ein Vermögen von 100 000 Kronen(umgerechnet 400 000 €), das er in seinem Testament der Kinder-, Schutz- und Rettungsgesellschaft vermacht hatte.

(Quelle: Markus)

Altenberg in Anekdoten

Meine Sachen haben das Malheur, dass sie immer für kleine Proben gehalten werden, während sie leider bereits das sind, was ich überhaupt zu leisten imstande bin." So charakterisierte Peter Altenberg seine Texte. Die impressionistischen Skizzen aus seinem Alltag als Bohemien, Frauenanbeter und Gesundheitsapostel trugen ihm das Prädikat "Reporter der Seele" ein.

Er war der Schöpfer der kürzesten Kurzprosa, die es in der deutschsprachigen Literatur gibt, doch in den Parnaß eingegangen ist er als absolutes Pumpgenie. Auf die Frage, warum er denn so viele und oft recht zweifelhafte Leute anpumpe, antwortete er: "Die Zeiten sind eben so schlecht, dass man gezwungen ist, vor Leuten die Hand aufzuhalten, denen man sie nie reichen würde."

Karl Kraus überliefert den folgenden Dialog: "Karl, gib mir zehn Kronen ... Karl, nur zehn Kronen." "Ich hab's nicht, Peter." Doch Altenberg ließ nicht locker: "Karl, gib mir zehn Kronen, Karl ... "Schau Peter, ich würde sie dir gerne geben, aber ich hab's wirklich nicht." Darauf Altenberg, mit selbstverständlicher Bereitschaft: "Ich borg's dir!"

Am Altenberg-Stammtisch im Cafe Central wurde über Herrenmode gesprochen. "Ich weiß nicht", sprach Altenberg, "der Schneider sagt immer, für mich sei so schwer zu arbeiten." "Schwer? Warum?" "Ich zahl nicht."

Wieder einmal auf Quartiersuche, besichtigte der Schnorrerkönig ein Zimmer im Grabenhotel in der Wiener Dorotheergasse und fragte nach dem Preis. "Zehn Kronen täglich", hieß es. "Wenn Sie für eine Woche mieten, ermäßigt sich der Preis auf acht Kronen." "Und für einen Monat?" "Sagen wir: sieben Kronen." "Sehr gut." Peter überlegte. Dann in vollem Ernst: "Ich möchte das Zimmer ganz umsonst. Wie lange muss ich da bleiben?"

1913 bezog er im Grabenhotel, wenn auch nicht ganz umsonst, ein festes Quartier: das einfenstrige Zimmer Nr. 33 unterm Dach, das er bis zu seinem Tod bewohnte. Er besaß dort sogar einen eigenen Briefkasten (heute im Historischen Museum der Stadt Wien), in den ihm das Stubenmädchen zweimal am Tag die Post einwarf.

Altenberg übergab einem Freund seine Uhr, damit er sie im Dorotheum versetze. "Aber nimm nicht weniger als dreißig Kronen dafür", schärfte er ihm ein. "Tu dann das Geld in einen Umschlag und bring mir's ins Cafe Central. Und wenn ich dort mit jemandem sitze, dann sag, das schickt der französische Botschafter mit den besten Empfehlungen." Der Freund kam wirklich, aber mit düsterer Miene, ins Cafe Central, wo Altenberg mit Bekannten saß, und sagte: "Der französische Botschafter lässt sich empfehlen, aber mehr als fünfzehn Kronen kann er für die Uhr nicht geben."

Der Wiener Kaffeehaus-Diogenes, der heute noch traurig als Papier-Mache-Puppe in der Kulisse des Cafe Central sitzt, hieß eigentlich Richard Engländer und entstammte einer jüdischen Großkaufmannsfamilie. Seine Jugendliebe Berta Lecher, Peter gerufen, wohnte in Altenberg an der Donau. Ihr zuliebe nannte er sich Peter Altenberg. Nach einem abgebrochenen Medizin- und Jusstudiurn versuchte er sich erfolglos als Buchhändler. Als die materielle Unterstützung aus dem Elternhaus versiegte, beantragte er für sich eine Hausiererlizenz. In den Cafes verkaufte er nachts ägyptische Zigaretten und selbstverfertigte Steincolliers.

Alfred Polgar hat die äußere Erscheinung Altenbergs beschrieben: karierter Anzug mit zu kurzen Hosen, Ledergürtel, Sandalen, das Zwickerband so breit wie ein Maßband, dazu ein keulenförmiger knolliger Stock. Als er einmal in diesem pittoresken Aufzug, in laute Selbstgespräche vertieft, über den Stephansplatz stapfte, rief ihm ein Wachmann zu: "Mein Herr, Sie erregen zu viel Aufsehen!" "Zu wenig!" entgegnete Altenberg, "zu wenig!"

Altenberg war ein Gesundheitsapostel, der strenge Diätvorschriften beachtete und behauptete, er schlafe selbst in der kältesten Nacht des Jahres bei offenem Fenster. Eines Tages sagte ein Stammgast des Cafe Central: "Peter, ich bin gestern nachts am Grabenhotel vorbeigegangen, aber Ihr Zimmerfenster war geschlossen!" "Na und?" erwiderte Altenberg, "war gestern die kälteste Nacht des Jahres?"

Der Arzt hatte Altenberg das Rauchen verboten. Murrend fügte er sich in sein Schicksal. Am nächsten Tag schon wurde es ihm zu dumm, und er suchte den Arzt wieder auf: "Darf ich schon rauchen?" "Aber, aber, ich habe es Ihnen doch erst gestern untersagt!" "Na und? Hat denn die Wissenschaft seither keine Fortschritte gemacht?"

Seltsame Vorstellungen über die Ordnung der Welt enthüllte er in einem Gespräch mit Egon Friedell. Altenberg: "Das ist doch eine der großartigsten Erfindungen, dass man jetzt herausbekommen hat, dass man Kaninchen essen kann. Denn die Kaninchen schmecken genauso gut wie die Hasen und sind dabei um die Hälfte billiger!"

Friedell: "Ja, aber mit den Kaninchen hat es einen Haken. Denn wenn alle Welt Kaninchen ißt, so werden sie schließlich mit der Zeit ebenso teuer werden wie die Hasen." Altenberg: "Wieso? Die Kaninchen können nie so teuer werden wie die Hasen. Denn die Hasen muss man erst schießen, die Kaninchen aber pflanzen sich selber fort."

Vor allen anderen Speisen bevorzugte Peter Altenberg Suppenfleisch mit roten Rüben. An einem Sonntag bei Hugo von Hofmannsthal zum Essen eingeladen, war seine erste Frage: "Mein Lieber, gibt es auch Suppenfleisch?" Der Gastgeber wies ihn zurecht: "Was denken Sie, Altenberg. Wir haben doch die Creme der Wiener Gesellschaft geladen." Altenberg darauf: "Schade, dann komme ich lieber ein anderes Mal. Denn ich bin leider nur die Creme der Wiener Bohemiens."

Jemand sagte zu ihm: "Sie sind der glücklichste Mensch! Sie haben keine Bedürfnisse!" "Nein", sagte Altenberg, "ich habe keinerlei Bedürfnis, Bedürfnisse zu haben, die ich ja doch nicht befriedigen kann!"

Lina Loos war mit Peter Altenberg auf dem Semmering. Nachdenklich blieb er vor einer herrlichen Villa stehen: "Das ist eine wirkliche Tragödie. Hier hat einer der reichsten Männer gewohnt, er hat alles gehabt, was ein Mensch sich nur wünschen kann: eine schöne Frau, ein Auto, eine herrliche Villa auf dem Semmering, alles. Und dieser Mensch hat sich erschossen." "Erschossen? Um Gottes willen, Peter, warum?" "Wegen finanzieller Schwierigkeiten!"

Egon Friedell hatte seine Dissertation über Novalis geschrieben. Altenberg ätzte: "Wenn man von dir nichts anderes wüsste, als dass du ein Buch über Novalis geschrieben hast, so wüsste man schon, dass du ein gottverlassener Trottel bist! Wer war denn dieser Novalis? Der hat ein paar blöde Bücher über griechische Kunst und Kultur gelesen, und daraus hat er sich dann eine ganz öde, ausgeronnene, gymnasiastenhafte Idee von Griechentum zusammenphantasiert! Und das ganze hat er dann Wiederbelebung der Antike genannt! Ich bin aufs äußerste gegen Novalis!" "Aber nein, Peter", erwiderte Friedell, "der mit der Wiederbelebung der Antike, das war Hölderlin!" "Nun, so war's der Hölderlin, das sind Namen!"

Über eine der dekorativen Jugendstilschönheiten der Wiener Gesellschaft schwärmte Altenberg: "Diese Frau ist doch die einzig wirklich Glückliche. Und warum? Weil sie die einzige ist, die ein vollkommen keusches Leben führt! Weil sie nie das Gift der Sexualität in sich eingesogen hat! Weil sie nie geschlechtlich funktioniert hat! Weil sie immer ein vollkommen außerirdisches, jungfräuliches, unschuldsvolles, paradiesisches Dasein geführt hat! Alle Frauen könnten genauso glücklich leben und dieselben geistigen Höhen erklimmen, wenn sie, wie diese, die geniale Kraft hätten, sich nie in ihrem Leben von einem Manne berühren zu lassen!" "Aber Peter", warf Friedell ein, "sie hat drei Kinder!" "Na und? Was geht dich das an, du Rotzbub!"

"In diesem Apollotheater", sagte Altenberg, "herrscht doch die großartigste geschäftliche Regie. Es ist so genial kalkuliert, dass sie nie zugrunde gehen können!" "Ja, wieso denn", fragte Friedell, "wie ist denn das möglich?" "Nun, es wird allein an den Programmen und Garderoben so viel verdient, dass sie drauskommen, selbst wenn kein einziger Mensch ins Theater geht!"

Eines Nachts, vielmehr eines Morgens kamen Peter Altenberg und Egon Friedell zu einem Würstelstand. Sie aßen eine Wurst und Altenberg fand: "Großartig, diese Wurst." "Klar", sagte der Würstelmann, "das is' a echte Veroneser Salami."

"Das brauchen Sie mir nicht zu sagen", ereiferte sich Altenberg. "Wenn man isst, sieht man ja schon Verona vor sich, den Romeo und die Julia, die Scholaren und die reizenden rothaarigen Hexerin, die man wegen nichts und wieder nichts verbrannt hat, und dann den schiefen Turm." "Aber Peter", sagte Friedell, "der schiefe Turm steht doch in Pisa." "Na, wenn schon", feixte Altenberg, "dann seh' ich eben auch Pisa!"

Diese und viele andere Altenberg-Anekdoten trug Egon Friedell im Kabarett Fledermaus vor. Peter Altenberg schrieb daraufhin in der Wiener Allgemeinen Zeitung: "Friedell trägt Altenberg-Anekdoten vor. Sie charakterisieren den Dichter zwar als Halbidioten, aber immerhin ganz richtig."

Ein junger Journalist erhielt den Auftrag, über Altenbergs neues Buch zu schreiben. Er fragte den Dichter, was für besondere Gesichtspunkte er berücksichtigt sehen wolle. "Was für Gesichtspunkte? Lang soll es sein. Und lobend!"

Für Altenberg war das Central mehr als ein Kaffeehaus, es war geradezu seine Heimat. In Kürschners Literaturkalender lautet die ihn betreffende Eintragung: Altenberg, Peter. Novellist, Privatier. Adresse: Wien I., Herrengasse, Cafe Central. Als er einmal als Gast einer befreundeten Dame in der Schweiz weilte, stand er fasziniert vor dem Panorama der Bergwelt und meinte: "Schön haben Sie es hier. Aber im Central ist es doch am schönsten, gelt?"

(Quelle: Typisch Österreich, Literatur in Anekdoten, Johannes Twaroch, Amalthea Verlag, 2003)

Link: Leben und Werk Peter Altenbergs (Personenkunde)